Vergleicheritis ist heilbar

Jeder Mensch ist einzigartig, jeder Hund auch. Die Unterschiede zeigen sich sehr deutlich beim Gruppentraining. Ich musste erst lernen, mich vor Vergleicheritis zu schützen.

In der Medizin beschreibt die Endung ITIS entzündliche Krankheiten. Bronchitis, Dermatitis, Appendizitis. Alles schmerzhaft, will niemand haben. Also behandeln wir diese Entzündungen mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln.

Gegen Vergleicheritis gibt es keine Medikamente. Sie kann man auch nicht rausoperieren. Vergleicheritis bezeichnet den Drang, sich ständig mit anderen zu vergleichen, was zu schweren, mitunter chronischen Entzündungen des Selbstwertgefühls führen kann.

Wir kennen Vergleicheritis in zwei Varianten: Bei Variante 1 neigt der/die Betroffene dazu, sich durch Vergleiche ständig selbst zu erhöhen, bei Variante 2 leidet der/die Betroffene darunter, sich durch Vergleiche selbst ständig abzuwerten.

Ich habe mich bereits mehrfach mit Vergleicheritis, Variante 2, angesteckt – und zwar immer bei Gruppentrainings.

Ich liebe Gruppentrainings

Beim jagdeichen Training ist die Ansteckungsgefahr geringer, weil Hunde unterschiedlicher Rassen zusammenkommen.

Gruppentrainings sind etwas wunderbares. Fünf bis sechs Hunde ähnlichen Alters und mit ähnlicher Ausbildung stehen gemeinsam in einer Line und arbeiten ihre Dummies oder im jagdlichen Training ihr Wild aus. Die Hunde sind mit Feuereifer dabei. Es ist eine Freude, mit ihnen zu arbeiten.

Natürlich zeigen die Hunde nicht alle die genau gleichen Qualitäten. Einer läuft schneller hinaus, ein anderer sucht effizienter, der nächste kommt freudiger zurück und der letzte zeigt die schönste Abgabe. Jeder hat seine Stärken und Schwächen, so wie die HundeführerInnen auch. Ich weiß das, und trotzdem muss ich mich selbst immer wieder daran erinnern.

Kaum ein Lauf auf dem Boden, die Ohren flattern im Wind – Emma hat Spaß.

Allzu schnell tappe ich in die Falle, meine Hündin mit anderen zu vergleichen und dabei zu vergessen, wie wunderbar sie auf ihre Weise ist. Dann bin ich unzufrieden – mit ihr und mit mir. Alle scheinen mir besser, schneller, effizienter, feiner bei Fuß, fröhlicher im Wasser, und was es da sonst noch zu tun gibt. Dann ist der Spaß dahin und die Entzündung wird immer schlimmer. Symptomverstärkend wirken GruppenteilnehmerInnen oder TrainerInnen, die an Vergleicheritis der Variante 1 leiden.

Train the dog in front of you

Vor wenigen Wochen habe ich ein Video mit Claire Denyer, einer der wunderbaren Trainerinnen der Ladies Working Dog Group gesehen. Sie und all die anderen Profis dieser Gruppe betonen immer wieder, wie wichtig es ist, die Besonderheiten jedes Hundes genau zu beobachten und damit zu arbeiten.

Ist der Hund sensibel, zurückhaltend, mutig, draufgängerisch? Wie kann ich seine Stärken so stärken, dass die kleinen Schwächen an Bedeutung verlieren. Immer und immer wieder fällt dabei der Satz:

„Train the dog in front of you.“

Ladies Working Dog Group

Emma und Polly sind die Hündinnen „in front of me“. Ich erkenne ähnliche Wesenszüge bei Mutter und Tochter, und ich sehe auch ihre Unterschiedlichkeit.

Meine Aufgabe ist, sie ihren Anlagen entsprechend zu fördern. Sie verlassen sich auf mich. Sie haben nur mich. Ich muss für sie die beste Handlerin sein, die ich für ihr individuelles Wesen sein kann.

Eine liebe Trainingspartnerin sagt mir immer: „Wenn du mit Emma dran bist, dann blende alles rund um dich aus. Dann gibt es nichts neben dir, niemanden hinter dir. Nur dich und Emma.“ Das mache ich zu meinem Mantra.

Vergleichen werde ich trotzdem, aber nicht mehr mit anderen Hunden, sondern nur unsere eigene Entwicklung. Wo sind wir voriges Monat gestanden, wie weit sind wir bis heute gekommen? Wo haben wir uns verbessert, woran wollen wir arbeiten?

Auf diese Weise können Vergleiche nützlich sein und meine Immunabwehr stärken.


Meine Immunabwehr gegen Vergleicheritis

  1. Ich konzentriere mich im Training auf mich und meine Hündin.
  2. Ich lerne von anderen, ohne mich mit ihnen zu vergleichen.
  3. Ich suche wohlwollende TrainingspartnerInnen und kluge TrainerInnen, ein unterstützendes Umfeld.
  4. Ich trainiere nur, wenn ich in guter Stimmung und motiviert bin (was viel mit Punkt 3 zu tun hat)
  5. Ich will mit meinen Hündinnen das beste Team sein, das wir sein können – mit Respekt vor unseren Fähigkeiten und unseren Limitationen.

Hast du auch schon mal an Vergleicheritis gelitten? Und wenn ja, wie hast du sie überwunden?

Autor: Susanne Senft

Mein Name ist Susanne Senft. Ich wohne in Wien und im Waldviertel, arbeite als PR-Beraterin und Schreibtrainerin, züchte Labrador Retriever und bin ehrenamtliche Mitarbeiterin von Wiens mobilem Kinderhospiz MOMO.

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