Ich seh, ich seh, was du nicht siehst

Hunde sehen die Welt anders als wir. Wenn wir ihre Besonderheiten im Training berücksichtigen, können wir ihnen und uns das Leben viel leichter machen. Die wesentlichsten vier Unterschiede habe ich hier zusammengefasst.

Hunde haben einen viel weiteren Blickwinkel

Die Augen der Hunde sind – rasseabhängig – leicht seitlich im Kopf angeordnet. Aus diesem Grund haben sie ein deutlich größeres Gesichtsfeld als wir Menschen – in etwa 240 bis 250 Grad weit. Sie können vieles noch im Augenwinkel wahrnehmen, das wir Menschen längst nicht mehr sehen können.

An diesem kleinen Welpen sieht man die seitliche Anordnung der Augen
deutlicher als beim erwachsenen Hund.

Vor kurzem hatte ich Gelegenheit zu beobachten, wie sich dieses weite Gesichtsfeld im Dummytraining auswirkt.

Ein gut ausgebildeter Golden Retriever war nach vor zu einer Böschung geschickt, dort gestoppt und dann nach rechts geschickt worden. Jedes Signal seiner Hundeführerin hat er perfekt ausgeführt. Richtig spannend war es beim Rechtsschicken: Die Hundeführerin streckte den Arm nach rechts aus, auf Signal lief der Hund los und die Hundeführerin ließ ihren Arm sinken. Der Hund war ja schließlich schon am richtigen Weg. Er aber hat im Augenwinkel die Bewegung des Arms wahrgenommen, bremste sich ein und begann genau an der Stelle zu suchen, die der Armbewegung entsprach. Die Hundeführerin streckte wieder ihren Arm aus, er lief wieder los, sie ließ wieder den Arm sinken und er begann wieder zu suchen. Beim dritten Mal dann war er am Ziel. Beim nächsten Versuch hat sie den Arm lange ausgestreckt gehalten und er hat sein Ziel ohne Zwischenstopps erreicht.

Mein Learning für das Dummytraining:
Lass die Hand lang in die Richtung ausgestreckt, die der Hund nehmen soll. Erst wenn er eine Bewegung sicher nicht mehr wahrnimmt oder schon sehr nah an seinem Ziel ist, kann ich sie absenken. Das gilt im übrigen auch fürs Voranschicken.

Die Sehschärfe der Hunde ist eng begrenzt

Als Jäger sind Hunde enorm gut, wenn es darum geht, bewegte Objekte wahrzunehmen. Das schaffen sie auf unglaubliche Distanzen und im besagten Augenwinkel ganz wunderbar. Verhält sich das andere Tier oder ein Mensch dagegen ruhig, nehmen sie ihn kaum wahr – jedenfalls nicht mit den Augen. Deshalb laufen sie in ihrer Geschäftigkeit auch immer wieder mal über unbeweglich auf der Wiese liegende Dummies drüber, ohne sie zu sehen.

Fakt ist, dass die optimale Sehschärfe bei Hunden bei etwa sechs Metern beginnt. Bis dorthin muss meine Hündin ihrer Erinnerung (Memory Mark) oder mir (Blind) vertrauen, dass sie in die richtige Richtung unterwegs ist.

Auch in der Nähe sehen Hunde anders: Objekte, die sich näher als 30 cm vor ihrem Auge befinden, können sie nur unscharf wahrnehmen. Beispielsweise das Dummy, das vor ihnen auf dem Boden liegt – aber da übernimmt dann wohl schon die Nase.

Mein Learning für das Dummytraining:
Wenn ich mit meiner Hündin Augenkontakt auf Distanz habe, beispielsweise bei einem Stopp-Pfiff oder einem Rückruf, hilft es, wenn ich die Arme ein wenig bewege. Das muss nicht viel sein, aber doch wahrnehmbar.
Ich muss ihr Vertrauen in mich stärken. Sie muss daran glauben, dass dort, wo ich hinzeige, auch etwas zu finden ist. Sehen kann sie das Ziel ja nicht. Wir brauchen also „Blind“es Vertrauen ineinander. Das erfordert Training, Training, Training und Bindung, Bindung, Bindung.

Hunde nehmen Farben anders wahr

Im Biologieunterricht haben wir gelernt, dass Zäpfchen und Stäbchen für unser Sehen entscheidend sind. Wer erinnert sich? Ich hab’s zur Sicherheit nachgeschlagen. Grob gesagt sind die Stäbchen für Hell-Dunkel-Sehen und die Zäpfchen für die Farben zuständig. Wenn du mehr wissen willst, findest du das hier sehr gut erklärt.

Wir Menschen verfügen über drei Arten von Zäpfchen und können daher drei Farbspektren sehen. Hunde dagegen haben nur zwei und sehen Farben nur im Blau-Violett-Bereich und in Gelbtönen. Die Zäpfchen für das Rot-Grün-Spektrum fehlen, weshalb sie diese Farben grau wahrnehmen. Möglicherweise hat die Natur auf Rot verzichtet, weil es für Jäger nie wichtig war, reifes Obst von unreifem zu unterscheiden.

Dual-Color Dummies mit weißem Teil verbessern auch die Sichtbarkeit. Dieses Dummy hier am Bild hat sogar noch Flatterbänder – für mehr Spaß und mehr Speed.

Mein Learning für das Dummytraining:
Bei Polly, die erst mit der Dummyarbeit beginnt, verwende ich weiße, blaue und violette Dummies. Die kann sie besser sehen und kommt schneller zum Erfolg. Sie hat Spaß und ist motiviert.

Bei Emma, die schon erfahren ist, verwende ich grüne und orange Dummies. Die sind deutlich schlechter sichtbar. Da muss Emma schon auch ihre Nase einsetzen – und das kann sie richtig gut.

Im Halbdunkel den Menschen weit überlegen

Wenn die Natur den Hundeaugen schon weniger Zäpfchen geschenkt hat, war sie bei den Stäbchen dagegen wesentlich großzügiger als beim Menschen. Diese Stäbchen sind für das Hell-Dunkel-Sehen verantwortlich. Mehr Stäbchen, besseres Sehen in der Dämmerung und im Halbdunkel. Zusätzlich verfügen Hundeaugen über das Tapetum lucidum, eine reflektierende Schicht hinter der Netzhaut. Diese Schicht wirft schwache Lichtstrahlen auf die Rezeptoren zurück und wirkt wie ein Restlichtverstärker. Wenn gar kein Licht da ist, gibt es auch nichts zu reflektieren, und die Hunde sehen genau so wenig wie wir. Allerdings hören und riechen sie immer noch besser.

Übrigens: Hunde können – wie viele andere Tiere – im UV-Spektrum sehen. Wie das für Hunde aussieht, können wir erahnen, wenn wir an Schwarzlichtlampen denken – oder an die Lichteffekte in Diskotheken, wenn jedes weiße T-Shirt im Dunkeln strahlt.

Mein Learning für das Dummytraining:
Hab ich noch keins. Ideen bitte gerne hier in den Kommentaren posten.

Autor: Susanne Senft

Mein Name ist Susanne Senft. Ich wohne in Wien und im Waldviertel, arbeite als PR-Beraterin und Schreibtrainerin, züchte Labrador Retriever und bin ehrenamtliche Mitarbeiterin von Wiens mobilem Kinderhospiz MOMO.

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