Einmal Winsler, immer Winsler! Falsch. Winseln lässt sich verlernen.

Hundeführerin und Labrador Retriever im hohen Gras

Ein Hund, der winselt, ist nicht ungehorsam, sondern hat Stress. Seit ich das verstanden habe, ist es mir gelungen, Emmas Winseln beim Dummytraining nach und nach abzubauen. Meine ganz persönliche Mutmachgeschichte.

Emma ist in ihrem sechsten Sommer. Sie ist schussfest, gibt beim Standtreiben keinen Mucks von sich, kann anderen Hunden lautlos bei der Dummyarbeit zusehen und winselt nicht beim Schicken. Das war nicht immer so.

Als sie zwei Jahre alt war, winselte sie bei allen nur denkbaren Gelegenheiten. In jedem Fall beim Gruppentraining, und ganz besonders dann, wenn sie selbst an der Reihe war ein Dummy zu holen. Gleichzeitig war sie wie eingefroren, nicht zu bewegen rauszulaufen – nicht einmal auf ein gut sichtbares Marking. Wenn ich sie doch ermuntern konnte, das Dummy zu holen, schlich sie vor und zurück wie eine alte Dame.

Heute weiß ich, was der Grund für all das war: schwere Fehler im Trainingsaufbau eines Junghundes. Viel zu früh, viel zu fordernd, viel zu viel Druck und viel zu viel Stress für sie und für mich. Emma war mein erster Hund im Dummysport – und als Anfängerin weiß man eben nicht, was man alles nicht weiß und verlässt sich auf Ratgeber, die möglicherweise auch nicht wissen, was sie alles nicht wissen. Aber ich will mich da nicht rausreden. Mein Hund, meine Verantwortung. Punkt.

Jedenfalls war mein Frust nach zwei Jahren schließlich so groß, dass ich die Dummyarbeit für uns als beendet erklärt habe. Keine Gruppentrainings mehr, keine Working Tests – nur noch Emma und ich und die Ausbildung zum Therapiebegleithund (eine spannende Erfahrung auf unserer Reise). Dummies sind nur noch im Spiel gefallen, kein ernsthaftes Training – alles just for fun.

Long story short: Kaum war der Druck weg, war auch das Winseln weg.

Es hat ein paar Wochen gedauert, aber allmählich hat Emma wieder an Schwung gewonnen. Die Ballschleuder war eines unserer magischen Tools. Ich hab mich gefreut, wenn sie eingesprungen und mit Freude dem Ball nachgelaufen ist. Alle Warnungen, sie auf diese Weise zum Bulljunky zu erziehen, habe ich in den Wind geschlagen. Mag sein, dass ein sehr triebiger Hund damit völlig durchknallt, aber nicht meine Emma. Sie hat auf diese Weise wieder gelernt, Dummies zu holen, Bälle zu suchen und sie mir mit Freude wieder zurückzubringen.

Mindestens ebenso wichtig war, dass auch ich meinen Stresspegel im Zusammenhang mit Dummies und Retrieving großteils reduzieren konnte. Wir wissen doch, wie das läuft: Der Stress in meinem Kopf und die Versagensangst in meinem Herzen sind monatelang (und tun das mitunter auch heute noch) über den Arm und die Leine bis hinunter zur Hündin gekrochen und haben ihren Stress nur noch verstärkt. Meine Hündin hat ihre eigenen Emotionen und spiegelt zusätzlich die meinen wider. Von all diesem Stress und Leistungsdruck wollte ich uns in diesen Wochen befreien. Der einzige Zweck unserer gemeinsamen Trainingszeit war Spiel und Spaß, egal wie.

Nach einigen Monaten war ich so weit, dass ich mich an eine verständnisvolle Trainerin wenden konnte, um einen neuen Versuch im Dummytraining zu beginnen. Diese Trainerin war es auch, die uns auf die Idee gebracht hat, es mit der jagdlichen Ausbildung zu versuchen. Sie war die erste, die Emmas Wesen erkannt hat. Ihr Tipp war ein absoluter Volltreffer.

In der jagdlichen Ausbildung ist Emma über sich hinausgewachsen, hat mit jedem Trainingstag an Selbstvertrauen gewonnen. Zu sehen, welche Freude sie daran hat und wie wunderbar sie arbeitet, hat auch mir wieder Vertrauen in uns als Team gegeben.

Bei der jagdlichen Arbeit hat Emma übrigens nie gewinselt, weil wir sie Dank wunderbarer TrainerInnen von Anfang an stressfrei aufgebaut haben. Das war ein Neubeginn für uns beide.

Mit dieser im jagdlichen Training neu gewonnenen Sicherheit und diesem Vertrauen in winselfreies Arbeiten haben wir uns wieder Schritt für Schritt ins Dummytraining vorgewagt, die Übertragung ist gelungen. Heute winselt Emma nicht mehr, wenn sie auf ein Marking oder ein Blind geschickt wird. Wenn es doch einmal vorkommt, dann nur in einer Extremsituation.

So spritzig, wie sie als junge Hündin vor unseren Trainingsfehlern war, wird Emma wohl nie wieder werden, aber sie macht ihr Ding. Sie arbeitet ruhig und selbstständig und kommt nie ohne Beute zurück. Gemeinsam dehnen wir die Grenzen unserer Leistungsfähigkeit immer weiter aus – und das macht schon viel Freude.

Meine ganz persönlichen Learnings aus dieser Erfahrung

  • Winseln beim Dummytraining ist ein Zeichen von Stress und kein Ungehorsam.
  • Je jünger der Hund, umso schlechter kann er Stress verarbeiten.
  • Winseln kann ich nur durch Stressvermeidung oder Stressreduktion hintanhalten oder verringern.
  • Meine Hündin empfindet Stress in Situationen, die ich als Mensch nicht als Stress empfinde.
  • Meine eigene Unsicherheit (weil ich zweifle, ob wir die Aufgabe bewältigen) überträgt sich als Stress auf meine Hündin.
  • Meine Hündin fürs Winseln zu bestrafen, hat die Winslerei nur verstärkt.
  • Es ist nie zu spät: Auch eine ältere Hündin kann ungeliebte Gewohnheiten verlernen und neue, bessere erlernen.
  • Einen kleinen Ausrutscher nicht dramatisieren. Manchmal kann es einer Hündin ebenso wie einer Frau beim besten Willen einfach zu viel werden.

Mit meiner Geschichte möchte ich allen Mut machen, deren Hund beim Training winselt

Ich bin überzeugt: Winseln ist ein Mittel der Stressbewältigung und erlerntes Verhalten. Deshalb lässt sich Winseln in den allerallermeisten Fällen genauso verlernen, wie es erlernt wurde. Dafür brauchen wir emphatische TrainerInnen, Verständnis und Geduld – viel Geduld. Unsere Reise hat mehr als ein Jahr gedauert.

Ich glaube nicht daran, dass Winseln vererblich ist. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass Welpen, die bei ihrer Mutter Winseln als Stressbewältigung erleben, diese Form der Stressbewältigung übernehmen – aber auch dann ist Winseln erlernt und nicht in den Genen festgeschrieben.

Lasst euch nicht einreden, dass bei einem winselnden Hund Hopfen und Malz verloren sind. Unser Weg ist vielleicht nicht eurer, aber wenn wir das geschafft haben, könnt ihr das auch – auf eure Art.

Autor: Susanne Senft

Mein Name ist Susanne Senft. Ich wohne in Wien und im Waldviertel, arbeite als PR-Beraterin und Schreibtrainerin, züchte Labrador Retriever und bin ehrenamtliche Mitarbeiterin von Wiens mobilem Kinderhospiz MOMO.

2 Gedanken zu „Einmal Winsler, immer Winsler! Falsch. Winseln lässt sich verlernen.“

  1. Danke für diesen Beitrag, er spricht mir aus der Seele! Es braucht nicht mehr Druck und Strenge, sondern Ruhe, Verständnis für die Bedürfnisse und Spaß an der Freude 🙂

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