Train the dog in front of you – today

„Train the dog in front of you” lautet ein Motto der Ladies Working Dog Group, Was damit gemeint ist? Schau dir gut an, welcher Hund vor dir sitzt und stimme das Training darauf ab. Ist er ein Draufgänger oder sensibel, ist sie bedächtig oder eine Speedqueen. One-Size-Fits-All funktioniert im Hundetraining nicht, dafür sind unsere Hunde viel zu individuell veranlagt – und wir Hundeführerinnen auch.

Jede von uns, die mehr als einen Hund geführt oder gleichzeitig zu Hause hat, wird bestätigen, wie unterschiedlich hündische Charaktere sein können – selbst wenn wir nur über so nahe Verwandte wie Labrador Retriever reden.

Bei unseren kleinen Rottalmoosern konnte ich das im Frühjahr 2021 hautnah miterleben.

Da gab es den einen, der sich völlig unerschrocken auf alles Neue stürzte. Ein anderer hat erst alles aus der Distanz beobachtet, bevor er sich auf unsichere Erfahrungen einließ. Dann war da dieser kleine Rowdy, der immer als erster wach war und alle zum Rangeln aufforderte und das einzige Mädchen, das wahnsinnig schnell laufen konnte, aber partout nichts herumtragen wollte. 

Jeder Welpe war auf seine Art entzückend und liebenswert, und jeder aus unserem Wurf hat den richtigen Menschen gefunden. Unser kleiner Beobachter bewegt sich heute selbstsicher durch die Hundefreilaufzone im Wiener Prater. Er weiß genau, wem er sich für ein Spiel nähern kann und wen er eher meiden muss. Der Draufgänger apportiert bereits Fasane in der jagdlichen Ausbildung und ein anderer stellt sich schon der Herausforderung von Working Tests. Mir hat mein Karma die kleine, sensible Polly geschickt, damit ich mich in Empathie übe. So lernt wohl jede mit ihren Hunden unterschiedliche Dinge, die sie in ihrem Leben braucht, und das zu unterschiedlichen Zeiten. 

Rote Karte für das Altersrennen

Auf Facebook sieht man so viele Videos von Labis, die schon im Alter von wenigen Monaten über Zäune springen und schwierigste Dummyübungen meistern. Mit sechs Monaten sind sie rocksteady, mit 10 Monaten bewältigen sie komplexe Memory Marks und sogar Blinds. Die bewundernden Kommentare unter diesen Videos und Fotos sind nicht endenwollend.

Was man auf Facebook dagegen nicht sieht, sind die irreparablen Schäden, die aufgrund der zu frühen zu starken Belastung junger Gelenke entstehen. Was man auch nicht sieht, sind die unzähligen Hunde, die schon beim Aussteigen aus dem Auto und erst recht beim Training zu winseln beginnen, weil sie mit der Aufregung und dem Stress nicht fertig werden.

Ich spreche aus eigener Erfahrung, denn ich habe diesen Fehler auch gemacht. Mit Emma habe ich viel zu früh, schon im Alter von wenigen Monaten in der Gruppe trainiert – sicher einer der Gründe dafür, dass wir jahrelang mit Winseln gekämpft haben.

Hunde beim Gruppentraining
11 Monate war Emma alt, als dieses Bild entstand – und das war nicht ihr erstes Training in einer großen Gruppe.

Aber damals dachte ich, das muss so sein, weil unsere Trainer das so einforderten. Ich dachte mir, na gut, die werden schon wissen, was sie tun, schließlich verdienen sie ihr Geld damit.

Heute sehe ich das anders. Mit Polly lasse ich mir viel mehr Zeit. Mit einem Jahr kann sie mit Korrekturen viel besser umgehen als sie es mit sechs Monaten gekonnt hätte. Aufgrund der Röntgenergebnisse weiß ich jetzt auch, dass ihre Hüften und Ellbogen so stark und schön ausgebildet sind, dass sie den fordernden Stop-and-Go-Bewegungen des Dummytrainings gewachsen sind. Polly winselt nicht, hat Spaß am Training und ihre Steadyness wird auch mit jedem Tag besser. Ich denke, Sie kann im Alter von 14 Monaten genau so viel wie ihre Mutter in diesem Alter konnte, nur durfte sie es mit viel weniger Druck und Stress lernen.

Deshalb plädiere ich dafür, dass wir unseren Hunden die Zeit geben, in ihrem individuellen Tempo zu lernen und uns nicht aus menschlichem Ehrgeiz in ein Altersrennen hineintreiben lassen.

Ein Altersrennen, das übrigens nicht nur von den Anlagen des Hundes sondern mindestens ebensosehr von den Möglichkeiten der Hundeführerinnen beeinflusst wird. Da ist die Frau, die Vollzeit berufstätig ist und ihre erste Hündin ausbildet. Eine andere hat viel Tagesfreizeit, ist erfahren und führt ihren dritten Rüden. Die beiden treffen auf die Dritte, die sich einen von einem Profi ausgebildeten 15 Monate alten Rüden gekauft hat. Diese drei Hunde werden dann verglichen, und einer ist angeblich besser oder schlechter als der andere – mit allem Frust, den diese Vergleicheritis bei den Hundeführerinnen auslöst.

Wäre es nicht viel schöner, wir würden einfach die gemeinsame Reise genießen?

Nicht jeder Tag ist gleich

Train the dog in front of you – TODAY! Warum dieser Zusatz? Weil auch Hunde nicht jeden Tag gleich gut drauf sind. Sie sind zwar nicht so launisch wie wir Menschen, aber auch sie haben Phasen, in denen sie sich fitter oder müder fühlen.  Sie können von Trainings ausgepowert oder verspannt sein. Sie können Stress empfinden, weil sie eine lange Autofahrt erdulden und sich an eine fremde Umgebung erst gewöhnen müssen. 1000 Dinge können ihr Wohlbefinden beeinflussen.

Und dann sind da noch die Hormone. Bei Rüden kenne ich mich nicht aus, aber bei Hündinnen weiß ich aus Erfahrung, wie belastend die hormonellen Veränderungen im Lauf des Jahres für sie sein können.

Emma ist beispielsweise während der Läufigkeit topfit, alles gut – nur können wir natürlich zu keinen Gruppentrainings gehen.

Ruhende Labrador-Retriever-Hündin

Danach aber, wenn sie in die Phase der Scheinträchtigkeit kommt, ist sie wie ausgewechselt. Fast möchte man meinen, sie schleppt sich durch den Tag. Schnell laufen geht irgendwie gar nicht, ein Dummy holen – na, wenn es sein muss, aber Freude macht es ihr keine. Also denke ich, da lasse ich sie besser in Ruh – dann ist today eben nicht trainingday.

Das selbe gilt übrigens auch für mich selbst. Wenn ich mich nicht wohl fühle, wenn der Kopf brummt oder ich einfach nur übel gelaunt bin, dann lass ich es besser bleiben. Dann bin ich ungeduldig, fahrig und ungerecht – und das kann die Freude am Retrieving recht rasch knicken.

Für den Sport oder für die Jagd – oder beides

Ihr kennt sicher alle diese spektakulären Videos von Labis, die Anlauf nehmen und dann mit Karacho ins Wasser springen. Ich muss zugeben, zum Anschauen finde ich das auch supercool. Gleichzeitig bin ich froh, dass Emma das nicht macht, sondern eher ins Wasser hineingleitet. Was weiß man schon, was sich unter der Wasseroberfläche verbirgt? Ein großer Stein? Oder der dicke Ast eines Baumes? Sagt man nicht jedem Kind, dass es nicht in unbekanntes Wasser springen soll – und bei den Hunden fördern wir genau das?

Wie auch immer. Emma ist für ihre langsamen Wassereinstiege immer mitleidig belächelt worden, und ich habe mir immer gedacht (und bin bis heute nicht ganz frei davon) – „Komm Mädl, ein bisschen schneidiger geht´s schon“.

Unser großer Tag kam beim ersten jagdlichen Wassertraining. Zum ersten Mal in ihrem Leben hat Emma für ihre vorsichtige Art des Wassereinstiegs Anerkennung bekommen. Ein Hund, der ins Wasser springt, zerstört nämlich jede Schwimmspur einer Ente, ganz schlecht für die Jagd. Emma kann das nicht passieren.

Zum ersten Mal war es auch gut, dass sie beim Marking schon vor der Fallstelle langsamer wurde und ruhig auf sehr kleiner Fläche suchte. Ein Hund, der so arbeitet, beunruhigt die Umgebung der Fallstelle natürlich weit weniger als ein speediger. In der Welt der Dummyarbeit sieht man es lieber, wenn der Hund mit Verve das Suchgebiet durchkreuzt.

Hündin und Hundeführerin am Ende einer Schweißfährte

Der Vorteil von Emmas ruhigem Wesen zeigt sich ganz besonders bei der Schleppe und in der Schweißarbeit.

Emma folgt der Fährte konzentriert und ruhig, sodass sie keinen Winkel überläuft. Sie kommt vielleicht ein paar Meter von der Fährte ab, fädelt sich aber sehr rasch wieder ein – und kommt auf diese Weise sicher an ihr Ziel. 

In der jagdlichen Arbeit ist Emma top. Bei der Dummyarbeit dagegen strapaziert ihr Lauftempo die Geduld mancher Trainerinnen und Trainingspartnerinnen über die Maßen. Die sagen dann so was wie: „Mach dir nichts draus, in unserem Sport wird ja nicht mit der Stoppuhr gerichtet.“ Autsch.

So ist das nun mal: Emma ist von ihrem Wesen her eben eher jagdlich veranlagt. In der Dummyarbeit wird sie es nie bis an die Spitze schaffen, weil uns beiden die Ambitionen und mir die Qualifikation zur richtig guten Handlerin fehlen. Mit diesem Wissen und im Sinne von „Train the dog in front of you“ wird mir immer klarer, dass ich den Schwerpunkt unserer Arbeit neu ausrichten muss. Schließlich sind Emma und ich ein Team und können uns nur gemeinsam weiter entwickeln. 

Wo meine gemeinsame Reise mit Polly hinführen wird, ist noch weitgehend offen. Denn wie gesagt, in Altersrennen lass ich mich nie weder reintreiben.

Autor: Susanne Senft

Mein Name ist Susanne Senft. Ich wohne in Wien und im Waldviertel, arbeite als PR-Beraterin und Schreibtrainerin, züchte Labrador Retriever und bin ehrenamtliche Mitarbeiterin von Wiens mobilem Kinderhospiz MOMO.

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